Simon Groß

– Fata Morgana –

Publikumsgespräche 2

Was für eine Figur ist der Fremde, was will er von dem jungen Paar in der Wüste?

Für uns Autoren war er immer ein Spieler, der Spaß an der Gesellschaft des Paares hat, sich mit ihnen die Zeit vertreibt und der mit dem umgeht, was ihm sein Gegenüber entgegenbringt. Bei Daniel ist das viel Misstrauen und Angst, der Fremde greift Daniels Angst auf und spielt damit, wodurch er Daniels Angst verstärkt. Bei Laura ist es ihre Unsicherheit, die er aufgreift. Laura verhält sich nicht eindeutig in Bezug auf ihre Sexualität und Erotik. Der Fremde lässt in ihr eine Neugierde aufsteigen, die sie bei Daniel nicht mehr hat. Sie ist offen für neue Erfahrungen, trägt durch diese unsichere Position auch zum Drama bei.

Sie ist eine sehr ambivalente Figur und genau diese Ambivalenz führt der Fremde ihr vor Augen. Der Fremde ist wie eine Projektionsfläche. Er ist das, was man in ihm sieht. Was Du also in dem Fremden siehst, hat vor allem mit Dir selbst zu tun. So ähnlich verhält es sich auch mit der Wüste. Der Fremde und die Wüste gehören für mich zusammen. Er ist eine Teil der Wüste und die Wüste ein Teil von ihm. Daniel und Laura machen im Verlauf der Geschichte viele Fehler. Interessant ist aber auch, dass der Fremde einen Fehler macht und zwar einen ganz entscheidenden. In seiner spielerischen Haltung unterschätzt er Daniel, der immer mehr zu seinem Rivalen geworden ist. So führen die Auswirkungen des Dramas am Ende fast zu seiner eigenen Vernichtung.

Daniels Handeln ist nicht immer sympathisch.
Was für Gedanken haben wir uns als Autoren darüber gemacht?

Wir haben gesagt, lass die Figuren sich in die Richtung entwickeln, in die sie sich entwickeln wollen. Wir müssen die Figuren nicht zwanghaft irgendwelchen Regeln unterwerfen nach dem Motto, die Hauptfigur muss sympathisch sein, ansonsten wird der Film nicht angenommen. Interessant ist, dass Daniel in seinem Verhalten von den Zuschauern als sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Es gibt Leute, die finden ihn durchaus sympathisch. Wie er wahrgenommen wird hängt also damit zusammen, was für ein Mensch der Zuschauer selbst ist und vielleicht auch was er von sich selbst in Daniel wiedererkennt.

Daniel muss jedenfalls so sein wie er ist. Sein Misstrauen, seine Ängste und seine Eifersucht sind Teil von ihm. Er beißt sich fest in seine Sicht der Dinge und verrennt sich immer mehr. Irgendwann ist es, als befände er sich in einem Tunnel, der so eng geworden ist, dass er nicht mehr umkehren kann. In seiner beschränkten Wahrnehmung muss der Fremde irgendetwas Böses im Schilde führen und Laura muss sich irgendwie für diesen Abenteurer interessieren, der Eigenschaften besitzt, die er selbst nicht hat. Und so ist es dann auch. Laura ist viel neugieriger auf das Fremde im Generellen und auf den Fremden. Sie ist offener und fühlt sich von der Männlichkeit des Fremden angezogen. So gibt es eben ein archaisches Grundmuster. Der Fremde kann Laura auf eine Art Sicherheit, Schutz und Männlichkeit bieten, die ihr Daniel in der Wüste so nicht bieten kann. Das tut der Fremde allerdings nicht in der Form wie Laura es vielleicht gerne hätte, denn letztlich spielt er auch nur mit ihr und kann sie in ihrer Naivität nicht wirklich ernst nehmen. Archaische Grundmuster sind ganz normal, können aber insbesondere in Extremsituationen zu Konflikten führen.

Aber wer was wann wo von den drei Figuren tut, das war ein unglaublich schwieriges Austarieren beim Schreiben. Es gibt im Wesentlichen keine Nebenfiguren und keine Nebenschauplätze. Alles konzentriert sich auf diese drei Figuren in einem fast endlos weiten Raum. Wenn Du eine Figur einen Schritt machen lässt, dann müssen die anderen sofort ausgleichen, sonst gerät das ganze Gefüge aus dem Gleichgewicht. Als Autoren waren wir mit einer ähnlichen Situation konfrontiert wie die Figuren in dem Animationskurzfilm „Balance“. In diesem Film bewegen sich drei Menschen auf einem schwebenden Tablett. Wenn der eine einen Schritt macht, müssen die anderen sofort ausgleichen, sonst verliert das Tablett das Gleichgewicht. Im Nachhinein betrachtet hat unsere Figurenkonstellation und der Raum viel mit „Balance“ zu tun. Die Wüste ist das Tablett.

[Fortsetzung: Das Ende...]

Notiert am 02.08.2007, Abgelegt unter Fata Morgana, Keine Kommentare

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